Von Lisa Ertl

Die Sonne war noch nicht aufgegangen und ich war noch sehr müde. Dennoch konnte ich nicht mehr schlafen und wachte schon lange vor dem Weckerklingeln auf. Heute war es so weit – meine Reise nach Berlin begann. Um halb sechs Uhr morgens brachten mich meine Eltern zum Flughafen nach Wien. Ich fühlte mich, als würde ich auswandern, so viel Gepäck hatte ich dabei. Irgendwann kam dann der Moment des Verabschiedens und ich machte mich alleine auf – weiter zum Check-in.
Als ich nach einer guten Stunde Flugzeit am Flughafen Berlin-Tegel ankam, konnte ich es noch nicht ganz fassen, dass nun ein neues Kapitel in meinem Leben begann. Das erste Mal alleine fliegen, das erste Mal so lange von zuhause weg, in einer der größten und aufregendsten Städte Europas.
Da ich an einem Samstag wegflog, hatte ich noch das ganze Wochenende Freizeit, bevor am Montag die Arbeit begann. Meine Arbeitsstelle befand sich in der Hermannstraße 84, etwa 15 Minuten mit der U-Bahn von meiner Wohnung. Obwohl ich wusste, dass die Schlesische27 in den Bereichen Kunst und Bildung mit Geflüchteten arbeitet und ihnen unsere Sprache beibringt, wusste ich nicht genau, was mich am Montag und die nächsten fünf Wochen erwarten würde.

Etwas schüchtern ging ich durch die Eingangstür. Ich stellte mich vor und wurde sogleich herzlich begrüßt und herumgeführt. Auch die Teilnehmer_innen waren neugierig auf die neue Praktikantin und fragten gleich, wie ich heiße und woher ich kam. Mit mir waren noch zwei andere Schülerpraktikantinnen in meinem Alter, mit denen ich mich gleich gut verstand. Das war sehr erleichternd, gerade am Anfang, wo man noch niemanden kennt. Das Gelände der S27 befand sich auf einem ehemaligen Friedhof mit einem Hauptgebäude direkt an der Straße, wo die Deutschkurse stattfinden und die Büros sind und mit einem riesigen Gartenareal im hinteren Bereich des Friedhofs.
Mein Haupteinsatzbereich war der Coop Campus, wo Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zusammen gärtnern, lernen und gestalten. Ein typischer Tagesablauf war in etwa so: Um 9:30 Uhr begann der Deutschunterricht. Meistens fingen wir jedoch erst um 9:45 Uhr an, weil viele der Teilnehmer_innen zu spät kamen. Der Deutschunterricht wurde in zwei Sprachniveaus geteilt, in A1.1 und A1.2. Ich gestaltete gemeinsam mit Aisha den Kurs A1.1 mit durchschnittlich zehn Teilnehmer_innen. Wir arbeiteten mit verschiedenen Materialien und versuchten so gut es ging, die Sprachbarrieren zu überwinden. Doch so schwierig das manchmal auch war, es fasziniert mich nach wie vor, wie man sich auch ohne Worte verständigen kann.
Eine weitere große Verantwortung wurde mir mit dem Kochen für etwa 60 Menschen übertragen. Ich war natürlich nicht allein und musste auch nichts kochen, doch jemand musste einkaufen, Gemüse schneiden, Kochtöpfe, Teller und Besteck herräumen, Tische sauber machen und nach dem Essen auch wieder abwaschen, sauber machen und alles wieder wegräumen. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend war, in der heißen Nachmittagssonne 60 Teller abzuwaschen, machte es mir dennoch Spaß, weil jeder mithalf.

Der Nachmittag war voll mit spannenden Kunstworkshops, wo Malerei, Fotografie oder Töpfern angeboten wurde. Diese wurden von Künstler_innen geleitet und gefielen den meisten Teilnehmer_innen sehr. Die fertigen Meisterwerke wurden bei der großen Abschlussfeier ausgestellt.
Natürlich gab es auch eine dunkle Seite. Je mehr Zeit ich dort verbrachte und mit den Menschen ins Gespräch kam, desto bewusster wurde mir, wie gut wir es doch alle haben. Die Geschichten der Flucht, Verfolgung und Angst einiger Teilnehmer_innen gingen mir sehr ans Herz und lösten großes Mitgefühl in mir aus. Doch das schweißte uns alle wieder ein bisschen zusammen.
Ich habe in diesen fünf Wochen in Berlin eine zweite Heimat gefunden. Auch wenn ich oft schreckliches Heimweh hatte, genoss ich die Zeit in Berlin in vollen Zügen. Ich habe hier mittlerweile gute Freund_innen gefunden und eine Erfahrung gemacht, die mich vor allem menschlich weitergebracht hat. Ich werde diese Zeit und dieses Praktikum nie vergessen, und kann es nur jedem ans Herz legen, der seinen Horizont erweitern möchte. Denn dafür ist Berlin die perfekte Stadt.
Bevor ich nach Berlin kam, erschienen mir fünf Wochen wie eine Ewigkeit. Rückblickend fühlte es sich an wie ein Wimpernschlag und ich befand mich schon wieder im Flieger Richtung Heimat. Während des Fluges musste ich weinen – einerseits, weil ich mich schon sehr auf meine Familie und meine Freund_innen freute und andererseits, weil mein Praktikum schon zu Ende war. Als ich dann tatsächlich in Wien gelandet war, konnte ich im ersten Moment gar nicht realisieren, dass ich schon wieder zuhause war.

Ich sage „Auf Wiedersehen!“ zu Berlin, zu den Menschen, zu meinem Praktikum. Doch ich werde bestimmt wieder dorthin kommen und meine Freund_innen wiedersehen.