Von Florian Borecky-Kutej und Lisa Handl, Flensburg Juni 2026

Wer einen Austausch zweier Schulen plant, muss auf ein paar Dinge zählen können:

  1. Der Austausch muss möglich sein – das betrifft schnöde Überlegungen wie Anreise und Unterkunft aber auch so schwierige wie Sprache und Kultur. Vorneweg muss man sich also fragen: Kann man sich dem Gegenüber verständlich machen? Ist es notwendig dafür ein neues Zeichensystem zu entwickeln? Wird die Reise innerhalb eines Menschenlebens bestreitbar sein?
  1. der Austausch muss sinnvoll sein – die Reisegruppe muss nicht ausziehen, um die Welt zu retten, aber die Hoffnung, irgendwie an dem Abenteuer zu wachsen, sollte schon geben sein. Und …
  2. muss man auch jemanden finden, der sich austauschen will.

Um all diese Voraussetzungen zu klären und nebenher auch das deutsche Schulsystem kennenzulernen, tasteten wir, Lisa Handl und Florian Borecky-Kutej, uns in den letzten Zügen des Schuljahrs in den gefühlt hohen Norden Europas vor. Frisch aus den Maturaanzügen geschlüpft reisten wir über einen nicht naheliegenden aber schönen Umweg (Malmö und Kopenhagen) – in den Umwegen, auch den syntaktischen, finden sich oft ja, so will es der Brauch und der Lehrer auch, die feinsten Blüten – ins Reich der Fischbrötchen und Förde: Flensburg, bis dahin bekannt nur für Punkte, begrüßte uns herzlich und rustikal, mit dem Glow einer Hafenstadt deren Sonne nicht vor 23:00 Uhr untergehen will und dem quietschfidelen „Moin“ einer überraschend freundlichen Gegend. An der HLA Flensburg bemühten wir uns die letzte Juniwoche lang im Rahmen eines Job-Shadowings um ein Bild der deutschen Bildungslage und Antworten auf die Fragen 1.-3.
Folgendes lässt sich berichten: Zwar scheint ein Austausch auf den ersten Blick gut machbar, war doch auch uns die Anreise möglich und die Sprache scheinbar vertraut, aber diese scheinbare Vertrautheit verschleiert manche Tücke. Ja, wir teilen uns eine Sprache mit den überaus netten Kolleginnen und Schüler:innen der HLA, nur benutzen wir sie in den Feinheiten ganz unterschiedlich. „Moin“ und „Moinsen“ sagt man an der Förde nicht nur frühmorgens, wenn der Grazer bestenfalls grantig nickt, sondern überraschenderweise ständig zur Begrüßung. (Zusammenhänge mit der nimmermüden Sonne können nur vermutet werden.) „Ne?“ begleitet von einer musternden Schwungbewegung des Kinns, die in Österreich nach dem Feidl greifen ließe, wird hier verwendet, um ehrlich freundlich nach Befindlichkeiten zu fragen. Österreichische Sprachgepflogenheiten wie der alle Konflikte umschiffende oder verschleiernde Konjunktiv II werden in Flensburg mit echter Fürsorge empfangen: So schlecht sei die Idee zur Projektzusammenarbeit ja gar nicht, das mache man doch gleich so: Nägel mit Köpfen für „Social Media zwischen Karrierechancen und Risiko – wie Unternehmen junge Menschen erreichen und wie Jugendliche Medien verantwortungsvoll nutzen“ wird da vom Potentialis gleich in den Indikativ verschoben. Als gäbe es nichts zu verlieren. Und dann steht da ein Projekt in seinen Grundzügen, das eine Schüler:innengruppe der kommenden 2FW im September und Mai des nächsten Schuljahres zusammen mit Schüler:innen aus Flensburg verwirklichen wird. Die Schnelligkeit der Beschlüsse – da trifft das Stereotyp der deutschen Effizienz auf österreichische Grüblerinnen – lässt uns immer noch ein wenig verblüfft zurückblicken.

Nebenbei gab es Küstenlimo und Wetter, das laut Flensburg Natives nur in einer Woche des Jahres so gut sei. Kollegin Kinga, die Lisa Handls Liebe für Filterkaffee teilt, führte uns durch Wälder und spitzelte mit uns über Landzungen bis hin zur wunderschönen Glücksburg, einem der Wahrzeichen der Gegend. Flensburg ist geprägt von seiner Lage an der Ostsee. Die Vibes sind die einer Hafenstadt: Der Gehtemporegler ist runtergedreht auf gemütliches Schlendern, dafür sind die Fischbrötchen maximal gut. Auch die Wirtschaft lebt von ihrer Nähe zum Wasser: Schiffswerften und Militärhäfen bestimmen den Horizont, aber auch Urlauber trifft man hier häufig. Zwei Fünf-Stern-Hotels besiedeln die Strände und spülen ihre Gäste in die Strandkörbe. Gefischt und -segelt wird mit einer Leidenschaft, die den Österreicher:innen nur vom Skifahren bekannt ist.
Dazu passt auch, dass die HLA ein Segelboot hat und Schüler:innen regelmäßig in See stechen dürfen. Überhaupt sind die Schulverhältnisse andere. Statt Tafeln bedienen die Lehrenden Smartboards, statt 35 Schüler:innen unterrichten sie eher 12. Die Lernenden sind aber doch sehr ähnlich. Auch am Schlosswall, dem wohl schönsten der zur HLA gehörenden Gebäude, kämpfen die Schüler:innen mit Englisch und Deutsch, freuen sich, wenn sie Fragen beantworten und Dinge ausprobieren können. Statt der Startphase gibt es hier einen digitales Take-off-Day und statt der Juniorcompany ein Lernbüro.

Sogar Zusatzausbildungen findet man: Die HLA ist besonders stolz auf ihren „Europakaufmann“ und eine Zusammenarbeit mit Firmen, bei der ausgewählte Schüler:innen Führungskräfte in deren Arbeitsalltag begleiten dürfen. Uns erstaunten die Gemeinsamkeiten, die im Detail dann doch sehr unterschiedlich ausgestaltet sind.
Was nehmen wir uns mit, aus Flensburg? Bizarre, salzige Lakritze, leider keinen der gesehenen Delfine (oder Schweinswale), die Sehnsucht nach der See und die heimliche Idee, vielleicht mal auf einem die Weltmeere bereisenden Schulschiff zu unterrichten. Vor allem aber beste Laune und den spannenden Austausch mit Kolleginnen. Flensburg – bis moin!