Östersund – Praktikum in der Stadt des Seemonsters

Östersund – Praktikum in der Stadt des Seemonsters

Von Alexandra Grabner und Denis Nail

Etwas weiter verborgen im Norden Schwedens befindet sich das Städtchen Östersund am Ufer des Storsjön-Sees. Alle Gassen scheinen auf diesen ausgelegt zu sein und auch vom Hauptplatz aus kann man die tiefblauen Wellen, unter welchen angeblich eine Seeschlange schlummert, erkennen. Die naturnahe Stadt lockt im Winter mit Schneemassen, Wintersportangeboten und -rennen, doch auch im Sommer hat Östersund reichlich zu bieten. So ist es die Heimat von Storsjöyran, einem der größten Musikfestivals in Skandinavien, welches seit 1983 jährlich gegen Beginn des Augusts im Zentrum der Stadt stattfindet.
Nur ein paar Straßen von diesem weiter zeigt sich der eigentliche Grund, warum wir nach Östersund reisen durften: Jamtli. Seit 1886 zeigt das Museum die Geschichte Jämtlands, der Provinz, in der sich Östersund befindet und gilt als ein charakteristisches Kennzeichen Östersunds. Jamtli besteht aus mehreren Teilen: Einerseits gibt es das Freiluftmuseum, welches vor allem in der Sommersaison Besucher_innen jeglichen Alters anzieht. Der Grund dafür ist Historieland, während der Dauer dieses Events kleiden sich zahlreiche Schauspieler_innen und Mitarbeiter_innen des Museums in der Mode vergangener Zeiten und leben in der Vergangenheit. Je nachdem wo es einen hinzieht findet man sich zwischen 1785 und 1975 wieder.
Um die Erfahrung besonders authentisch zu machen, bemüht sich Jamtli die Gebäude des Freiluftmuseums nach traditioneller Methode zu erbauen, selbst die Tiere, welche im Bauernhof natürlich nicht fehlen dürfen, sind Arten, die in der Provinz Jämtland heimisch sind und nicht weiter gezüchtet wurden.

Wer nach dem Freiluftmuseum noch weiter in der Geschichte versinken will, kann sich im Hauptgebäude des Museums in den Keller wagen, in dem sich neben der temporären Ausstellung, welche sich in der letzte Saison mit der Entwicklung des Schulwesens in der Provinz beschäftigte, auch eine Dauerausstellung befindet. Die Exponate darin spiegeln die Geschichte der Sami, der Ureinwohner Skandinaviens, das Leben der furchtlosen Wikinger und den Alltag der letzten Jahrhunderte wider. Hölzerne Puppen tanzen zu den Klängen von Instrumenten, deren Art zu spielen von den meisten schon wieder vergessen wurde, Wiegen beginnen sich zu bewegen und sogar eine Kuh ruft aus, wenn Besucher_innen den Raum betreten. Mit der Hilfe solcher Spielereien fühlt sich die Geschichte auf einmal gar nicht so weit entfernt an, schon gar nicht, wenn man den Keller durch den Bauch des örtlichen Seemonsters betritt. Die neueste Ergänzung des Museums befindet sich jedoch im ersten Stock, zusätzlich zu dem eigentlichen Museumsgebäude wurde vor wenigen Jahren eine spezielle Galerie zugebaut, in dem Leihgaben des Nationalmuseums in Stockholm hängen bzw. stehen. Originale von den bekanntesten skandinavischen Künstler_innen werden stolz in dem ersten und bisher einzigem Zweit-Standpunkt ausgestellt. Direkt unter dem Ausstellungsraum ist ein kleines Studio, in dem Workshops für diverse Gruppen zum jeweils aktuellen Thema gehalten werden.

Neben dem eigentlichen Museum gibt es zahlreiche weitere Organisationen in der Provinz, mit denen Jamtli zusammenarbeitet. Eine davon ist NCK, das nordische Zentrum für Kulturpädagogik, wo auch unsere Chefin Ulrica Löfstedt angestellt ist. Dadurch arbeiteten wir teilweise im Museum, lernten dort den Aufwand hinter den Veranstaltungen und die Komposition von Ausstellungen kennen, an anderen Tagen halfen wir bei NCK, erledigten Research-Aufgaben für verschiedene Projekte und erfuhren mehr von der Kultur Jämtlands. Gegen Ende der fünf Wochen hatten wir beinahe das Gefühl, als wüssten wir schon ewig von der versteckten Stadt im Norden, so sicher konnten wir von den verstrichenen Ereignissen der stolzen Provinz erzählen und hinter jeder Ecke ihrer Hauptstadt einen Schimmer des historischen und kulturellen Reichtums entdecken. Jeder Pflasterstein schien auf einmal eine Bedeutung zu haben, welcher wir zuvor gegenüber blind waren. Mit offenen Armen wurden wir von den Leuten dort empfangen, nur um von der Faszination zu dieser Stadt gänzlicher verschlungen zu werden, als wäre diese auf einmal die lauernde Schlange am Grunde des Sees.

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