Matera 2019 – European Capital of Culture

Matera 2019 – European Capital of Culture

Von Hansjörg Neureiter

Die süditalienische Stadt Matera, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ist 2019 gemeinsam mit der bulgarischen Stadt Plowdiw Kulturhauptstadt Europas. Im Rahmen des erasmus+ Programms durfte ich diese faszinierende Stadt Anfang November besuchen, um in das Programm sowie die Organisation dieser Kulturhauptstadt einzutauchen. Es war für mich auch spannend zu sehen, wie diese Stadt im Vergleich zu Graz 2003 (Graz darf allles!) und Linz 2009 ihr Kulturhauptstadt-Jahr gestaltet.
Im Gegensatz zu Graz und Linz ist in Matera nicht auf den ersten Blick ersichtlich, dass sie heuer Kulturhauptstadt ist. Erst bei genauerem Hinsehen sind Plakate und „Verzierungen“ zu sehen, die darauf hinweisen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Matera abseits der Kulturhauptstadt schon sehr bekannt und touristisch sehr stark frequentiert ist. Die etwa 60.000 Einwohner*innen zählende Stadt ist vor allem für ihre Sassi, eine Art von Höhlenwohnungen, die bereits in der Jungsteinzeit besiedelt worden sind, bekannt, womit Matera als eine der ältesten Städte der Welt gilt.
In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts galt Matera jedoch als Schandfleck Italiens. Von der Malaria heimgesucht, lebten tausende Menschen unter primitivsten Bedingungen und hoher Kindersterblichkeit in den Höhlensiedlungen. In der 1930ern berichtete Carlo Levi in seinem Buch „Christus kam nur bis Eboli“ von diesen Zuständen:
Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Tür empfangen. […] Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen […]. So leben zwanzigtausend Menschen.

Nach dem Erscheinen des Romans empörte sich ganz Italien über die katastrophalen Lebensbedingungen in Matera. Die Regierung nannte Matera „la vergogna nazionale“, die „nationale Schande“ und ordnete 1951 die – nicht immer freiwillige – Umsiedlung der Sassi-Bewohner*innen an. 15.000 Menschen mussten in den folgenden zehn Jahren in Neubauwohnungen an den Stadtrand umziehen. Die Sassi verfielen. Seit der Erscheinung des Buches von Carlo Levi ist viel Zeit ins Land gezogen. Die Sassi di Matera zählen seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe, der einstige Schandfleck Italiens hat sich zu einem Tourismus-Highlight gewandelt.
Auch die Kulturhauptstadt geht auf die abwechslungsreiche Geschichte Materas ein, zum Beispiel mit der Ausstellung „architecture of shame“, in der es um verschiedene architektonische Schandbauten in Europa geht. Auch das Projekt „poetry of shame“ geht schambehafteten Gegebenheiten und Umständen nach.
Um mir ein umfassendes Bild der Organisation dieser Kulturhauptstadt zu machen, traf ich mich mit leitenden Angestellten, z.B. Emmanuele Curti (Schools and Heritage Project Manager) im Organisationszentrum Casino Padula. Es war im Vorfeld nicht ganz einfach, die Politik mit ins Boot zu holen – bis 2017 war noch nicht klar, inwieweit dieses Jahr unterstützt werden würde, obwohl schon 2014 entschieden wurde, dass Matera 2019 Kulturhauptstadt Europas sein wird.

Die Aktivitäten beschränken sich nicht auf Matera, sondern die ganze Region Basilicata wird mit einbezogen. Ein Beispiel dafür sind die Schüler*innen-workshops, die von allen Schüler*innen der Provinz besucht werden können und auch in verschiedenen Städten stattfinden. Um möglichst viele Bewohner*innen zu motivieren, die Angebote zu nützen, wird der Festivalpass, mit dem alle Veranstaltungen über das ganze Jahr hinweg besucht und auch die Öffis benutzt werden können, um lediglich 19€ angeboten.  Auch ich nützte meinen Festivalpass und besuchte viele Ausstellungen, Installationen und Konzerte.

Eine der interessantesten Ausstellungen war „Die Poesie der Primzahlen“. Und bei einem workshop habe ich mir eine Matera19-Tasse gestaltet 😊
Der Besuch von Matera hat mir unglaublich gut gefallen, am beeindruckendsten waren die Sassi bei Nacht. Wer über Neapel anreist, sollte sich auch die Amalfiküste, den Vesuv und Pompeij sowie die unglaublich pulsierende Stadt Neapel nicht entgehen lassen. Insgesamt war es eine tolle und spannende Reise.
Ich bin schon neugierig, was Bad Ischl als Kulturhauptstadt 2024 auf die Beine stellen wird.

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